Wenn das Gesundheitssystem zur Barriere wird: Menschen mit Behinderung und ihre Angehörigen haben im Gesundheitssystem mit bürokratischen Hürden, strukturellen Benachteiligungen und Vorurteilen zu kämpfen.
„Bei Ärzt*innen muss ich mein Problem immer beweisen“: Dieser Satz bringt auf den Punkt, was viele Menschen mit Behinderung tagtäglich erleben. Misstrauen, Zweifel und ein System, das ihnen nicht auf Augenhöhe begegnet. Dabei hat Österreich mit der UN-Behindertenrechtskonvention längst anerkannt, dass allen Menschen das höchstmögliche Maß an Gesundheit zusteht – ohne Diskriminierung. Die Realität sieht anders aus.
Nicole Braunstein, eine engagierte Selbstvertreterin aus Trofaiach, berichtet von genau diesen Erfahrungen: „Ich erlebe so oft, wie mein Gesundheitszustand und die Medikamente, die ich einnehmen soll, mit meiner Begleitperson besprochen werden, statt mit mir, obwohl meine Behinderung nichts mit meinen kognitiven Fähigkeiten zu tun hat. Das beginnt schon dabei, dass man mit mir sofort per Du und mit meiner Begleitperson per Sie ist – durch die Sprache fühlt man sich schon geringgeschätzt.“
“Und wenn man das Gefühl äußert, dass etwas aufgrund von Nebenwirkungen nicht passt, wird man nicht nur aufgrund des Geschlechts, sondern auch aufgrund der Behinderung noch weniger ernst genommen.”
In ärztlichen Praxen hat Braunstein immer wieder das Gefühl, ihr Problem „beweisen“ zu müssen. Beschwerden oder Nebenwirkungen von Medikamenten würden auf ihre Behinderung geschoben und somit abgetan werden.
Ein Rollstuhl, der nicht passt
Ein weiteres Problem: Anträge ziehen sich oft in die Länge. Nicole Braunstein ist seit ihrer Kindheit auf einen Rollstuhl angewiesen. Als ihr Rollstuhl kaputtging, stellte sie einen Antrag auf einen neuen. Doch die Bewilligung zog sich in die Länge – mit der Begründung, ihr Zustand könne sich ja „verbessern“. Eine absurde Annahme, denn ihre Mobilitätssituation ist seit Jahren unverändert. In der Zwischenzeit erhielt sie einen Übergangsrollstuhl, der ihr jedoch nicht richtig passte und sich schlecht bedienen ließ.
Angehörige im Bürokratie-Dschungel
Nicht nur Menschen mit Behinderung selbst, auch ihre Angehörigen sind von zusätzlichen Hürden betroffen. Sandra Rinofner, Mutter eines Sohnes mit Behinderung, sieht sich immer wieder mit Bürokratie konfrontiert. Beispielsweise muss sie alle drei Wochen eine neue Bewilligung für die Medikamente ihres Sohnes beim Chefarzt einholen. Ein Zusatzaufwand, der sich zu den ohnehin zahlreichen Aufgaben einer pflegenden Mutter addiert.
“Es gibt zusätzliche Herausforderungen, die uns auferlegt werden”, sagt Rinofner. Sie spricht aus eigener Erfahrung und weist ebenfalls darauf hin, dass viele Anträge immer wieder neu gestellt oder verlängert werden müssen – selbst wenn sich an der gesundheitlichen Situation nichts geändert hat.
Strukturelle Probleme statt individueller Fehler
Strukturelle Schwächen des österreichischen Gesundheitssystems machen es gerade für Menschen mit Behinderung schwer, Zugang zu angemessener Versorgung zu bekommen:
Forderungen für ein inklusives Gesundheitssystem
Die Lebenshilfe Steiermark fordert:
Fazit: Medizin muss die Vielfalt menschlicher Körper ernst nehmen
So unterschiedlich unsere Gesellschaft ist, so unterschiedlich sind auch unsere Körper. Ein inklusives Gesundheitssystem muss diese Vielfalt abbilden – durch mehr Teilhabe, weniger Bürokratie und einen strukturellen Wandel hin zu echter Inklusion. In Österreich leben rund 760.000 Menschen mit registrierter Behinderung, in der Steiermark etwa 128.120. Obwohl – diese Angaben sind ohne Gewähr und schwanken je nach Erhebung stark. Denn verlässliche statistische Daten sind nicht ausreichend vorhanden – und genau das erschwert Sichtbarkeit und gezielte Unterstützung. Es ist höchste Zeit, dass Menschen mit Behinderung nicht länger beweisen müssen, dass sie dazugehören.
Lebenshilfe Steiermark
Mariahilferplatz 5/1
8020 Graz
Telefon: +43 (0)650 81 25 751
Email: office@lebenshilfe-stmk.at
Mit Ihrer Auswahl willigen Sie in die Verwendung von technisch nicht notwendigen Cookies und Diensten (Matomo Analytics) zum Zweck der Analyse der Webseitennutzung sowie in die Verwendung von externen Einbindungen (YouTube-Videos) ein.
Widerruf: Sie können Ihre Einwilligung jederzeit über die Löschfunktion Ihres Browsers oder durch Anpassung der Datenschutzeinstellungen in der Datenschutzerklärung widerrufen. Nähere Informationen finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.
Lebenshilfe Steiermark
Mariahilferplatz 5/1
8020 Graz
Telefon: +43 (0)316 812575
Email: office@lebenshilfe-stmk.at